Dokumentation und Erforschung der Schrotholzbauweise in der Lausitz
"Lausitzer Holzbaukunst" lautet der Titel eines Buches, das in den 1950er-Jahren den Grundstein für die moderne wissenschaftliche Erforschung traditioneller Holzbauweise in der Lausitz legte. Sein Autor, der Denkmalpfleger und Hochbauingenieur Eberhard Deutschmann (1926–2005) unterschied darin drei wesentliche Bautraditionen: das Spreewaldhaus, das Haus der Heideregion – heute gemeinhin Schrotholzhaus genannt – und das Umgebindehaus. Er hob dabei den kulturellen Einfluss der in der Lausitz lebenden Sorben/Wenden hervor.
Deutschmanns Einteilung in regionale Bautraditionen aufgreifend, bündelt das Museums Niesky unter dem Projektnamen "Dokumentation und Erforschung der Schrotholzhäuser" alle Bemühungen um das Anlegen einer Dokumenten- und Fotosammlung zur Geschichte des traditionellen Blockbaus in der Lausitzer Heideregion und deren Erforschung.
Kulturlandschaftlich betrachtet, liegt die Stadt Niesky im historischen Verbreitungsgebiet der Blockbauweise der Lausitzer Heideregion. Schon die ersten Siedler in Niesky in der Mitte des 18. Jahrhunderts nutzten die Blockhäuser eines bestehenden Gutsvorwerkes als vorübergehende Bleibe.
Für die Blockbauten der Lausitzer Heidegebiete hat sich die Bezeichnung Schrotholzhäuser durchgesetzt. Der Name leitet sich vom Arbeitsvorgang des Schrotens ab, was ein grobes Bearbeiten ganzer Kiefernbaumstämme mit Schrotbeil und Schrotsäge zu vollkantigen Balken als Grundelemente eines jeden Hauses beschreibt.
Während das Umgebindehaus gemeinhin als gut erforscht gelten kann und mit schätzungsweise ca. 19.000 Exemplaren in der Dreiländereckregion von Oberlausitz, Schlesien und Nordböhmen noch immer eine starke Präsenz zeigt und zahlreiche Ortsbilder prägt, ist die Schrotholzbauregion im Begriff, von der Landkarte zu verschwinden. Lediglich ca. 250 Gebäude können heute noch als Vertreter der historischen Blockbauweise in der Lausitzer Heideregion gelten. Zahlreiche Häuser, Scheunen und Speicher sind gegenwärtig in einem derart schlechten baulichen Zustand, dass sie absehbar in den nächsten Jahren vollends aus den Dörfern verschwinden werden. Lediglich eine überschaubare Anzahl von Gebäuden an kleinen lokalen touristischen Stationen und in Privatbesitz sind baulich für die Zukunft gerüstet.
Einer der Gründe für das allmähliche Verschwinden der Schrotholzhäuser ist die Tatsache, dass nach den 1880er-Jahren keine neuen Gebäude mehr errichtet worden sind. Der Aufschluss neuer Tonvorkommen für die Ziegelproduktion, die Intensivierung der Waldwirtschaft und die durch Bahn- und Chausseebau begünstigen Transportwege für Baumaterialien führten dazu, dass sich die Backsteinarchitektur auch auf dem Land in der Lausitz sehr schnell durchsetzte. Hinzu kam die Diffamierung des Blockbaus als Ausdruck vermeintlich ärmlicher Wirtschafts- und Bildungsverhältnisse der sorbischen Dorfbevölkerung. Den wohl größten Anteil am Verlust der Zeugnisse der Schrotholzbauweise in der jüngeren Geschichte hatte und hat bis heute der Braunkohlenbergbau. Für ihn wurden in der Lausitz zahlreiche Dörfer insbesondere der Heideregion devastiert, womit ein erheblicher Teil der historischen Bausubstanz für immer verloren ging.
Erst ab dem Ende der 1980er-Jahre begann man punktuell damit, wertvolle Einzelbauten in den vor dem Abriss stehenden Ortschaften zu bergen, um sie später an touristischen Orten, so vor allem in der Erlichthofsiedlung in Rietschen, in einer, der zukünftigen Nutzung angepassten Form wiederaufzubauen. Eine dezidierte wissenschaftliche Begleitung dieser Vorhaben hat jedoch nur im geringen Umfang stattgefunden. Im positiven Sinne hervorzuheben ist das Wirken des damaligen Kreisarchitekten von Weißwasser, Wilfried Merkel, der zahlreiche Gebäude vor ihrem endgültigen Verlust dokumentierte und in einigen Publikationen die Bauweise beschrieb. Mehrere fachgerecht ausgeführte Translozierungen hätten wohl ohne seine Beteiligung nicht stattgefunden. Dennoch ist das Wissen um die Schrotholzarchitektur trotz aller Bemühungen Einzelner noch immer ungenügend. Der immer noch fortschreitende Verlust der Zeugnisse dieser einst die Region prägenden Bauweise ist in denkmalpflegerischer, kulturpolitischer und gesellschaftlicher Hinsicht nicht hinnehmbar und kann nur durch verstärkte Aufklärung der Bevölkerung eingedämmt werden. Die Bemühungen des Museums Niesky zusammen mit weiteren musealen Akteuren zahlen darauf ein.
Sie verfügen über Erinnerungen, ggf. auch historische Fotos und Dokumente, die von Schrotholzhäusern berichten und möchten den Aufbau einer wissenschaftlichen Sammlung und deren Erforschung unterstützen? Dann melden Sie sich bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Museums Niesky.







