Ein Kleiner Christoph für den Wachsmannhausgarten
Den Wunsch, das Denkmalensemble des Konrad-Wachsmann-Hauses in Niesky um ein kleines Gartenhaus zu erweitern, gab es schon von Beginn der Einrichtung an. Auch früher schon hatte es Nebengebäude auf dem Grundstück der damaligen Direktorenvilla gegeben. Doch diese Schuppen wichen später dem Parkplatz. Es verstand sich von selbst, zunächst an einen originalen industriellen Holzbau der 1920er- oder 1930er-Jahre zu denken, um ihn in den Garten nach Niesky zu versetzen. Die Objekte, die man fand, eigneten sich jedoch letztlich leider nicht zum Wiederaufbau. Als man die Idee schon wieder zu den Akten legen wollte, kam der rettenden Anruf aus dem Landesamt für Denkmalpflege. Zunächst einmal ging es nur darum, eine in Görlitz in einer aufgelassenen Kleingartenanlage aufgefundene Laube zu begutachten. Ein Anwohner, der Betreiber der Gärtnerei Wähner in der Friedrich-Engels-Straße und ein Liebhaber Moderner Architektur, Gerd Wähner, gab der Stadt Görlitz den Hinweis, das Objekt überprüfen zu lassen, bevor man es zur Baufeldfreimachung abreißt. Vermittelt über die Untere Denkmalschutzbehörde von Görlitz und das Landesamt in Dresden begutachteten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Museums Niesky das kleine Holzgebäude und konnten schnell bestätigen, dass es sich um einen seriellen Bau aus den 1920er-Jahren handelte. Und mehr noch: es wurde einst in Niesky hergestellt. Es handelt sich um einen so genannten „Kleinen Christoph“, wie er von der Christoph & Unmack AG ab 1926/27 gebaut wurde.
Der Kleine Christoph war ein früher Verkaufsschlager unter den Gartenhäusern lange bevor es Baumärkte und Fertigbausätze gab. Er wurde in unterschiedlichen Typen, die in Größe und Ausstattung variierten, gefertigt und vor allem im Inland vertrieben. Der Entwurf stammte von dem Stuttgarter Architekten Klaus Hoffmann. Konrad Wachsmann war in seiner Zeit bei Christoph & Unmack daran beteiligt, die Planunterlagen für die industrielle Fertigung des Kleinen Christophs auszuarbeiten.
Der in Görlitz aufgefundene Kleine Christoph sollte weichen, um das inzwischen verwilderte Grundstück als Bauland vorbereiten zu können. Da der Zustand des kleinen Gebäudes trotz seines Alters sehr gut war, war man sich unter den Beteiligten schnell einig, dass man es nach Niesky in den Garten des Konrad-Wachsmann-Hauses translozieren könne. Dort passt es gut hin, denn es handelt sich wie beim Hauptgebäude um einen Blockbohlenbau und die Bauzeit dürfte ebenfalls gleich sein.
Es galt zunächst, die notwendigen Genehmigungen der Behörden einzuholen. Dann folgte eine Bauwerksdokumentation nach den Vorgaben des Landesamts für Denkmalpflege. Für das Projekt konnten der langjährige Freund und Partner des Museums, Christian Schmied, Ausbilder der Zimmerer am BSZ Löbau, gewonnen werden. Herr Schmied hatte das Museum schon bei früheren Projekten mit seinen Auszubildenden unterstützt.
Schließlich war es soweit. Im März 2022 begannen die angehenden Zimmerleute damit, die einzelnen Bauteile des Kleinen Christophs durchzunummerieren und in Pläne einzuzeichnen. Sodann konnte der Rückbau erfolgen, der in zwei Tagen ohne größere Schwierigkeiten vonstattenging. Am dritten Tag wurde aufgeladen. Den Transport spendierte die Firma Nusser GmbH Systembau aus Dauban. Mit dem Lastzug konnten die teilweise sieben Meter langen Bauteile von Görlitz nach Niesky gebracht und in einer Halle zunächst eingelagert werden.
Der Aufbau konnte aber nicht unmittelbar erfolgen, denn auch für den neuen Standort am Konrad-Wachsmann-Haus mussten eine Reihe von Genehmigungen und Planungsunterlagen eingeholt werden. Das Ausmessen des Bauplatzes übernahm das Vermessungsbüro Schlegel in Niesky. Die Planung wiederum oblag dem Büro Hennig, ebenfalls Niesky. Umfangreiche Fundamentarbeiten waren notwendig, um einen dauerhaften Sockel für das kleine Gartenhaus zu erhalten. Diese führte die Nieskyer Firma Neu & Reko Bau Glotz GmbH durch.
Schließlich mussten noch Helfer für den Wiederaufbau des eigentlichen Gebäudes gefunden werden. Auch hierbei unterstützte wieder maßgeblich Christian Schmied. Er stellte den Kontakt zu Dr. Bert Ludwig von European Heritage Volunteers in Weimar her. Diese Organisation führt Workshops für angehende Denkmalpfleger aus vielen Ländern der Welt durch. Die für den Wiederaufbau geplanten zwei Wochen passten sehr gut in das Jahresprogramm von European Heritage Volunteers und so konnte der Kurs für den Sommer 2023 ausgeschrieben werden.
Im August 2023 trafen Kursteilnehmer aus Frankreich, der Ukraine, aus Georgien, Mexiko, Österreich, der Schweiz, Deutschland, Spanien und der Türkei in Niesky ein. Untergebracht wurden Sie in einem Haus der Diakonissenanstalt in Niesky. Christian Schmied leitete die Gruppe trotz anfänglicher sprachlicher Barrieren ausgezeichnet an und führte zunächst in die für das Projekt benötigten Holzverarbeitungstechniken ein. Sodann konnten die Bauteile aus ihrem Zwischenlager geholt und im geräumigen Garten des Konrad-Wachsmann-Hauses ausgelegt und sortiert werden. Nachdem der Schwellenkranz mit einigen Ersatzhölzern wieder vervollständigt war, begann das Zusammensetzen der Blockbohlen, was dann schnell voranging.
Am Wochenende unternahm die Gruppe einen Ausflug, um die Lausitz kennenzulernen. Der führte sie zunächst in den Ehrlichthof Rietschen, wo man die Zeugnisse traditionelle Schrotholzbauweise bewundern kann. Anschließend ging es weiter in die Glasmacherstadt Weißwasser, wo die Gruppe fachkundig durch das Glasmuseum geführt wurde. Den Abschluss bildete ein Besuch im Handwerks- und Gewerbemuseum Sagar, wo die Teilnehmer ebenfalls herzlich empfangen worden sind.
In der zweiten Workshopwoche konnte weiter am Kleinen Christoph gearbeitet werden. Der Korpus wurde vervollständigt und schließlich auch das Dach mit neuen Schalbrettern, die wie auch die anderen Hölzer für Ergänzungsarbeiten am Objekt von der Firma Nusser GmbH Systembau aus Dauban gespendet wurden. Spontan fanden sich noch weitere ehrenamtliche Helfer aus Niesky ein, um das Bauwerk zu vollenden. Mit einem kleinen Richtfest klang der Wiederaufbau des Kleinen Christophs erfolgreich aus.
Im Oktober 2023 waren dann die Sponsoren, Unterstützer, Fördermittelgeber, Freunde und Gäste zur Einweihung geladen. Statt der erwarteten 40 Teilnehmer kamen 140, da das außergewöhnliche Projekt viele neugierig gemacht hatte. Inzwischen waren auch Türen und Fenster durch die Tischlerei Siebenhaar in Niesky aufgearbeitet worden.
Der Rück- und Wiederaufbau des Kleinen Christophs wurde auch von den Medien aufmerksam verfolgt. So zeigte das MDR-Fernsehen den Rückbau in Görlitz im Film „Nieskys vergessene Häuser“. Die Nieskyer Medienfirma SachsenHits VRmedia Filmmanufaktur schuf einen wirkungsvolles VR-Erlebnis, das hier angeschaut werden kann.
Der Wiederaufbau des Kleinen Christophs wurde mit einem Preisgeld aus dem simul+Mitmachfonds des Freistaats Sachsen maßgeblich unterstützt.
Das Team des Museums Niesky dankt allen beteiligten Unterstützern, Unternehmen, Behörden, Organisationen usw.
Noch ist der Kleine Christoph, der alsbald auch als Kleinkunstbühne genutzt werden soll, nicht gänzlich fertiggestellt. Es fehlen nach wie vor Terrasse und Dielenboden. Das Team des Museums Niesky sucht deshalb ehrenamtliche Unterstützer für eine weitere Aufbauaktion in Eigenleistung, die nach Möglichkeit noch 2025 durchgeführt werden soll. Bei Interesse melden Sie sich im Museum Niesky. Herzlichen Dank!













